„Über den Mut der Bohème“ – Frankfurter Rundschau über mich und „Das deutsche Dirnenlied“
Im April 2007 besprach Hans-Jürgen Linke in der Frankfurter Rundschau (Nr. 85, 12. April 2007) mein Buch „Das deutsche Dirnenlied. Literarisches Kabarett von Bruant bis Brecht“ – auf der Kulturseite „Finale“ in der Rubrik „Altes Werk – neu gesehen“, unter dem Titel „Über den Mut der Bohème“ und mit der Unterzeile „Roger Steins gelehrte Bestandsaufnahme über Geschichte und Form des Dirnenliedes“.

Die Rezension begann dort, wo das Dirnenlied entstand: im Paris des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, bei Aristide Bruant, Toulouse-Lautrec und der Montmartre-Bohème. Als literarische Gattung habe das Dirnenlied keine Vorläufer – abgesehen von motivischen Berührungspunkten, die sich bis François Villon zurückverfolgen lassen. Es sei „ein originäres Produkt der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft“ und eine Thematisierung ihrer Schattenseiten.
Nachdem den wissenschaftlichen Pflichten – Gattungsbegriff, Forschungsstand, Kabarett-Definition – Genüge getan sei, werde es „recht interessant“: In einem „sehr lesenswerten Abschnitt“ gelinge mir der Versuch, Formen und Inhalte der Dirnenlieder mit der Moral der bürgerlichen Welt, der Entwicklung der Prostitution und dem Halbwelt-Milieu der Kabaretts zu verbinden – und mit einem Frauenbild, das immer vielschichtiger und widersprüchlicher wurde. So schrieb ich, laut Linke, zugleich Sozialgeschichte und Ideologiegeschichte, eine kursorische Geschichte des Kabaretts – „und eine Geschichte der bürgerlichen Doppelmoral“.
„Roger Steins Buch ist ein kundiger Rückblick in frühe künstlerische Manifeste bürgerlicher Doppelmoral – und zwischen den vielen Zeilen immer auch eine Verneigung vor dem historischen Mut der Bohème.“
Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau, 12. April 2007
Von Paris führte das Buch nach Deutschland, wo sich Berlin schon vor dem Ersten Weltkrieg zur Kabarett-Metropole mauserte und das Dirnenlied bei Autoren wie Wedekind, Hollaender, Henckell, Brecht, Tucholsky, Klabund und Mehring am weitesten kam. Die schönsten Passagen seien jene, „in denen er sich im Material zu verlieren scheint, im Vergleichen und Zitieren, im Vorzeigen von Entdeckungen“ – besonders eindrucksvoll fand Linke meine Analyse der Obszönität in Brechts „Augsburger Sonetten“.
Paris und Berlin also, ein bisschen Wien, Zürich und Leipzig – Autoren und Interpreten von Bruant bis Brecht, von Yvette Guilbert bis Claire Waldoff.
Die Rezension aus der Frankfurter Rundschau vom 12. April 2007 als PDF:

