„Diesen Abgrund zu sehen gibt mir Energie“ – Das Magazin über Schweizer Künstler in Berlin
Im Januar 2007 porträtierte „Das Magazin“, die Wochenendbeilage des Tages-Anzeigers, Schweizer Autoren in Berlin – neben Thomas Hürlimann, Matthias Zschokke und Silvio Huonder auch mich. Die grosse Geschichte „Schweizer in Berlin“ von Franziska Ramser (Fotos: Susanne Schleyer) erschien in der Rubrik „Karrieren“ und trug die Unterzeile: „Geldnot, Liebeskummer und die Enge des Heimatlands haben Schweizer Schriftsteller nach Berlin getrieben. Gegen die Stadt haben die Dichter viele Einwände: Meinungslosigkeit, Gestank, Wichtigtuerei, billige Architektur. Dennoch bleiben die Autoren gern hier – warum nur?“
Der Artikel stellte uns in eine lange Tradition: Schon Gottfried Keller und Robert Walser hatten ihre Schriftsteller-Existenz in Berlin begründet – Walser, der hier in der „unaufhörlich atmenden Brust des grossstädtischen Lebens“ zum Dichter wurde und seinen „Hang zur schönen, edlen Faulpelzerei“ erst im rauen deutschen Wind losgeworden sei. Zitiert wurde auch Paul Nizon, der 1969 urteilte, die Schweiz könne einen Künstler „nicht gross machen“, und nach Paris emigrierte.
Silvio Huonder, 1954 in Chur geboren, kam 1989 – just zum Mauerfall – nach Berlin, um an der Hochschule der Künste zu studieren. „Ich musste Distanz gewinnen zu meiner eigenen Herkunft, um überhaupt schreiben zu können“, sagte er. Mit seinem Romandebüt „Adalina“ gelang ihm 1997 vom Berliner Exil aus der Durchbruch in der Schweiz; sein jüngster Roman „Valentinsnacht“ spielt – man rate – in Berlin.
Thomas Hürlimann, 1950 in Zug geboren, war schon Anfang der Siebzigerjahre gekommen: „Das ummauerte Berlin war der totale Bruch mit meiner Tradition.“ Nicht die Sehnsucht nach dem Weltgeschehen, sondern eine missglückte Liebe habe ihn aus Zürich vertrieben. Sein Roman „Fräulein Stark“ hatte 2001 hohe Wellen geschlagen – Marcel Reich-Ranicki warf ihm damals „verkappten Antisemitismus“ vor –, sein jüngster Roman „Vierzig Rosen“ führte die Schweizer Bestsellerliste an.
Matthias Zschokke, 1954 in Bern geboren, kam 1980 „weil es billig war“ – Berlin sei damals ein Abenteuerspielplatz für Künstler gewesen. Sein Berlin-Roman „Maurice mit Huhn“ spielt im Wedding, wo er selbst wohnt: „Ich kenne das hippe Berlin nur aus der Werbung.“ Und: „Die Stadt ist nichts, darum kann sie alles werden.“

Demselben Impuls – raus aus der warmen Stube, rein ins unwirtliche Berliner Klima – war ich gefolgt. Am Zürichsee aufgewachsen, hatte ich die Schweiz schon mit zwanzig Richtung Wien verlassen, „auf der Suche nach einem künstlerischen Umfeld“. In der Schweiz sei zwar alles ordentlich und luxuriös, sagte ich damals, „aber völlig unkreativ“. Mit Sandra Kreisler stand ich als Wortfront auf der Bühne; zwei Jahre zuvor waren wir nach Berlin übergesiedelt – Wien war zu gemütlich geworden.
„Man muss hier hart ankämpfen gegen eine Welt, in der man ein anonymes Nichts ist und stets in der immensen Masse von Menschen unterzugehen droht. Diesen Abgrund zu sehen gibt mir Energie, Schaffenskraft nach vorne.“
Roger Stein in „Das Magazin“, Januar 2007
Über die Berliner Kunstszene sagte ich: „Jeder kann sich ein bisschen schlecht anziehen und sich Künstler nennen.“ Dazu komme eine „ausgeprägte Kultur der Meinungslosigkeit“ – man sage nichts über das Werk des andern und lasse sich total in Ruhe. Manchmal fehlte mir die „Lust an der gegenseitigen Vernichtung“ der konfrontativen Wiener Szene. Aber dafür konnte man sich in Berlin wunderbar ungestört auf die Arbeit konzentrieren. Und: „Die Schweiz ist aus meinem Fokus ziemlich raus.“
Im Porträtkasten wurde auch erwähnt, dass unsere 2006 erschienenen „Lieder eines postmodernen Arschlochs“ mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet worden waren.
Gemeinsam war uns allen, so das Fazit von Franziska Ramser, dass wir Berlin weniger als Bühne des Weltgeschehens schätzten, sondern als Ort des Rückzugs in die Anonymität. Keiner von uns schloss eine Rückkehr in die „saubere, freundliche Heimat“ kategorisch aus – nur sei die helvetische Hochpreisinsel ein schlechter Boden für die schriftstellernde Zunft. Oder, wie Matthias Zschokke es sagte: „Die Schweiz kann ich mir nicht leisten.“
Meine Seite aus „Das Magazin“ vom Januar 2007 als PDF:
Der ganze Artikel „Schweizer in Berlin“ aus „Das Magazin“ als PDF:

