„Jeder Ton, jedes Wort erstritten“ – der „ausreißer“ über Wortfront in Graz

Anfang März 2007 spielten wir in Graz – mit Arne Kircher am Cello und Lucia Hall an der Violine, die für den „furiosen Background“ sorgten. Evelyn Schalk schrieb darüber im „ausreißer“, der Grazer Wandzeitung (Ausgabe #15 vom 15. März 2007), einen ausführlichen Essay unter dem Titel „Wortfront: lieder eines postmodernen arschlochs“.

Sandra Kreisler singt, im Hintergrund der Cellist – Wortfront live
Sandra live mit Wortfront

„Als Duo Wortfront eröffnen Sandra Kreisler und Roger Stein mit ihrem genialen Stilmix von musikalisch und textlich dichter Aussagekraft den Kampf gegen oberflächliche Betrachtungsweisen jeder Art.“

Evelyn Schalk, ausreißer, 15. März 2007

Die restlose Durchökonomisierung aller Lebensbereiche gehe uns ebenso hörbar gegen den Strich wie Opportunismus, falsche Scheinheiligkeit und Selbstbeweihräucherung – und wir seien „alles andere als „Beifahrer der Belanglosigkeit““. Der Essay erinnerte daran, dass sich unser Titelsong „Postmodernes Arschloch“ monatelang in der Liederbestenliste gehalten hatte und das Album auf Anhieb mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet worden war – während wir in Österreich, obwohl Sandra seit Jahren als Stimme auf Ö1 zu hören war, musikalisch totgeschwiegen wurden. Vielleicht auch deshalb, weil wir uns nicht in eine Schublade stecken lassen.

Bezeichnungen gab es trotzdem viele: „literarischer Hip-Hop“, „Rosenstolz für Erwachsene“ oder „eine Mischung aus Mozart, Fanta 4 und Adam Green“. Musikalisch kombinierten wir klassische Elemente, vor allem Streicher, mit Hip-Hop-Rhythmen, Elektronik und Chanson-Klängen. „Privat sind wir uns immer einig, aber was die Lieder betrifft, ist jeder Ton, jedes Wort erstritten“, erzählten wir.

Roger Stein singt im Nebel, links Sandra Kreisler, rechts der Cellist – Wortfront live
Roger live mit Wortfront

Roger – klassisch ausgebildet, mit Studium der Musik- und Theaterwissenschaft und Germanistik und seiner gerade bei Böhlau erschienenen Dissertation „Das deutsche Dirnenlied“ – betonte die emotionale Seite: „Lieder müssen auch mal Bauch und Eier haben und nicht ausschließlich reflektieren!“ Sandra, die von Chanson und Schauspiel kommt, konterte: „Aber gerade das Intellektuelle hat für mich eben auch Eier!“ Einig waren wir uns trotzdem: „Wir holen uns das Beste aus beiden Welten.“ Und so kamen Menschen „zwischen 20 und 80 Jahren“ zu unseren Konzerten.

Unter der Zwischenüberschrift „Das Satire-Gewürz des Lieder-Kochs“ ging es um Humor: Satire sei für Roger „ein Gewürz beim Kochen von Liedern“ – „sparsam, denn sonst landet man beim Kabarett, und da wollen wir nicht hin.“ Kabarett traue sich nicht, auch mal simpel zu sagen: „Es ist schön.“ Aus einer solchen Stimmung heraus sei etwa „Herbstmanöver“ entstanden. Sandra ergänzte mit Blick auf ihren Vater Georg Kreisler: „Kabarett ist mittlerweile sowieso obsolet, was Politiker liefern, übertrifft dieses bei weitem.“ Lieder entstünden oft aus Wut und Leidenschaft, „wenn der Sandsack im Keller zum Austoben fehlt“ – wie der bissige Song „Schwanzersatz“. Beim Tourneetitel stieß man sich in Deutschland übrigens am „Arschloch“, in Österreich eher am „postmodern“.

Roger Stein und Sandra Kreisler gemeinsam auf der Bühne, rechts die Cellistin – Wortfront live
Wortfront live

Auch unser zweites Album „Penetrant besinnlich“ vom Dezember 2006 kam zur Sprache: Wir verwahrten uns darin gegen scheinheilige Weihnachtsseligkeit – „Weihnachten über Deutschland“: „Es ist Weihnachten über Deutschland, die meisten Lichter glühn aus Pflicht“. „Dezember 95“ kontrastiere eindringlich die saisonale Welle oberflächlichen Mitgefühls mit der Gleichgültigkeit unter dem Jahr, und „Marie“ sei wohl die provokanteste Auseinandersetzung mit Rollenbildern und gesellschaftlichen Projektionen.

„Wir haben immer zu wenig Zeit“, sagte Sandra – und Evelyn Schalk schloss mit unserem Song „ZeiT.“: „Zeit ist Geld, aber Geld nicht Zeit“ – man kann Zeit „nur besitzen, aber Zeit kann man nicht kaufen“. Für sie eine Aufforderung, sich diese Zeit zu nehmen: zum Nachdenken, zum Fühlen und Handeln – und damit zum Leben selbst.

Der Essay aus dem „ausreißer“ #15 vom 15. März 2007 als PDF:

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