„Liederlich“ – eine Doppelseite im Spiegel über mich bekomme ich nicht jeden Tag

Im Dezember 2006 erschien über mich eine Doppelseite im Ressort „Wissen“ unter der Rubrik „Rotlicht“: „Liederlich“ – mit der Unterzeile „So sexy kann eine Doktorarbeit sein: Der Schweizer Theaterwissenschaftler Roger Stein hat Dirnenlieder untersucht.“ Anlass war mein Buch „Das deutsche Dirnenlied. Literarisches Kabarett von Bruant bis Brecht“, das bei Böhlau erschienen war. Geschrieben hat den Artikel Kai Michel.

Roger Stein in einem Wiener Bordell – Foto aus dem Artikel „Liederlich“, 2006
Fotoshooting im Wiener Bordell – aus dem Artikel „Liederlich“

Das Fotoshooting fand – die Idee des Fotografen – in einem kleinen Bordell am Wiener Gürtel statt. „Wo soll man einen Dirnenliedforscher auch anders porträtieren als im Puff?“, fragte der Artikel. Die beiden Frauen dort nickten und betrachteten den Einband mit der nackten Dame. „Es geht um Lieder von Brecht, Wedekind und Tucholsky“, erklärte ich ihnen. Feldforschung musste ich übrigens keine betreiben.

„Das Dirnenlied ist ein gutes Beispiel, wie die Kunst gesellschaftliche Entwicklungen vorwegnimmt.“

Roger Stein in „Liederlich“, 4. Dezember 2006

Weiter ging es am Stephansdom vorbei in die Broadway Piano Bar und durch den Spittelberg, wo einst die Dirnen die Freier lockten wie die Sirenen den Odysseus. Ich erzählte, wie ich in einem Seminar auf das Thema gestossen war und erstaunt feststellte, dass sich in keinem Lexikon etwas dazu fand – Volksliedsammler wie Herder oder Brentano waren prüde Typen. Mich interessierte, wie diese Lieder, die zwischen 1880 und 1930 unter Künstlern und Kabarettisten gewaltig in Mode waren, gesellschaftliche Prozesse spiegeln oder gar befördern: die Doppelmoral des Bürgertums, den Wunsch nach freier Liebe, das Frauenbild vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Man denke nur an Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ oder an Marlene Dietrichs „Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt“.

Der Artikel erzählte auch meinen Weg: aufgewachsen in der Schweiz mit Schubert und Schumann, Wecker und Biermann, Studium in Wien, Gesangsausbildung – und seither Musiker, gemeinsam mit Sandra Kreisler als Wortfront. Für unsere „Lieder eines postmodernen Arschlochs“ hatten wir gerade den Preis der deutschen Schallplattenkritik bekommen.

Zum Schluss landeten wir in „Nina’s Bar“, wo ich eine Gitarre entdeckte und kurz überlegte, „Ich bin die fesche Lola“ vorzutragen. Ich liess es bleiben – im Puff wird heute nicht mehr gesungen.

Der Artikel „Liederlich“ vom 4. Dezember 2006 als PDF:

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